Fort Loncin - Ein Ort, an dem die Zeit stehen blieb
Historischer Hintergrund
Es gibt Orte, an denen Geschichte nicht nur erzählt, sondern gespürt wird. Orte, die still geworden sind, obwohl sie einst vom Donner der Geschütze erschüttert wurden.
Einer dieser Orte liegt unweit von Lüttich: das Fort de Loncin.

Ein Bauwerk aus Beton und Mut
Erbaut Ende des 19. Jahrhunderts nach den Plänen des belgischen Ingenieurs Henri Alexis Brialmont, war das Fort Teil des gewaltigen Festungsrings, der die Stadt Liège schützen sollte. Ein modernes Verteidigungswerk seiner Zeit – aus Beton gegossen, mit mächtigen Geschütztürmen, Gräben und Kasematten.
Ein Symbol des technischen Fortschritts und des Selbstvertrauens Belgiens.
Doch als der Erste Weltkrieg kam, änderte sich alles. Die deutsche Armee rückte mit einer bis dahin unvorstellbaren Wucht an – mit neuen Waffen, deren Kaliber alles übertraf, was man bis dahin gekannt hatte. Unter ihnen: die legendäre 42-cm-Haubitze, genannt Dicke Bertha.


Der Beschuss – und der Augenblick, der alles veränderte
Am 12. August 1914 begann der Beschuss auf Fort Loncin.
Tag für Tag schlugen Granaten in die Mauern, erschütterten das Gelände, ließen den Boden erbeben. Der Beton, damals noch ohne Stahlbewehrung gegossen, begann zu bröckeln.
Die Luft in den Gängen wurde stickig, Rauch und Staub lagen über allem.
Am 15. August 1914 traf eine dieser Granaten – vermutlich eine 42-cm-Granate – das Munitionsmagazin.
In diesem Moment verwandelte sich das Fort in einen Feuerball. Zehntausende Pfund Sprengstoff detonierten, der zentrale Block des Forts wurde in Sekundenbruchteilen auseinandergerissen.
Von rund 550 Männern, die sich in der Garnison befanden, starben etwa 350.
Ihre Körper – viele von ihnen – blieben unter den Trümmern eingeschlossen, wo sie noch heute ruhen.
Das Fort de Loncin gilt seither als Grabmal und Symbol des belgischen Widerstands. Es war das einzige Fort von Lüttich, das nicht kapitulierte. Es fiel – aber es ergab sich nicht.

Technischer Aufbau & Verteidigungsanlagen
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Das Fort wurde zwischen etwa 1881–1888 (bzw. 1888–1891 je nach Quelle) nach Entwurf von Henri Alexis Brialmont errichtet und war Teil des Festungsrings von Lüttich (Fortified position of Liège).
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Konstruktionsweise: überwiegend aus unkonstruiertem Beton („unreinforced concrete“) statt traditioneller Ziegel/Mauerwerk – damals noch eine experimentelle Bauweise.
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Der Grundriss: ein isosceles bzw. gleichschenkliges Dreieck mit Basis ca. 300 m, Seiten je ca. 235 m (Quelle italienisch).
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Das Fort war mit einem trockenen Graben umgeben (z. B. Tiefe ca. 6 m, Breite ca. 8 m) und war mit mehreren Zielfunktionen versehen: große Geschütze in zentralem Massiv, Kasematten mit 57 mm Kanonen in Grabenverteidigung.
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Bewaffnung Beispiel: Zwei 21 cm/Haubitzen-Türme, ein Doppel 15 cm-Turm, zwei Doppel 12 cm-Türme, vier Einzel 57 mm Türme u. a.
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Besonderheiten: Manchmal kritisch genannt: Der Rückseite („Gorge“) war weniger stark geschützt, und viele Unterstützungsräume (Latrinen, Küche, Morgue) lagen in der Kontreskarpe, was im Gefecht nachteilig war.
Einsatz im Ersten Weltkrieg & der Beschuss
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Das Fort wurde im Rahmen der Schlacht um Lüttich (5.–17. August 1914) angegriffen.
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Bereits ab 7. August wurde das Fort bombardiert.
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Von etwa 12.–15. August dauerte der intensivere Beschuss auf das Fort de Loncin.
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Ein zentrales Ereignis: Am 15. August 1914 wurde eines der Munitionsmagazine des Forts von einem deutschen Geschoss getroffen, das eine Katastrophe zur Folge hatte:
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Die verbliebene Pulvermenge im Magazin wurde ausgelöst – teils angegeben mit rund 12 Tonnen Sprengstoff bzw. rund 24.000 Pfund (≈ 10,9 t) Pulver.
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Der Treffer wird mit dem Einsatz der deutschen 42 cm-Haubitze („Dicke Bertha“) in Verbindung gebracht, die eine Schlüsselrolle bei der Zerstörung des Forts spielte.
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Als Folge: Das Zentrum des Forts wurde zerstört, viele Bereiche stürzten ein oder wurden weggesprengt, Geschütztürme wurden in die Luft geschleudert.
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Opferzahlen und Auswirkung:
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Garnisongröße: ca. 500 Mann + Infanteriezug – deutsch heißt z. B. „500 Artilleristen & 80 Infanteristen“ .
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Beim Explosionsereignis starben rund 350 Soldaten (oft angegeben) von insgesamt ca. 550 in der Garnison.
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Das Fort de Loncin war im Gegensatz zu den anderen Forts der Liège-Position das einzige, das nicht kapitulierte – obwohl die Zerstörung siegte.
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Technik und Lehren:
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Der Bau mit unkonstruiertem Beton und die Platzierung der Magazine nahe der Oberfläche erwiesen sich als Schwachstellen.
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Die deutschen Geschütze (21 cm, 28 cm, 42 cm) übertrafen die Schutzkonzeption der Festungen deutlich.
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Nach dem Krieg wurde hervorgehoben, dass das Fort als Beispiel diente, wie moderne Artillerie Festungen überwältigen kann – und wie die Planung von Kasernen, Belüftung, Magazinen verbessert werden musste.
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Mein Besuch – Eindrücke & persönliche Notizen
Schon beim Betreten des Geländes merkt man: Hier ist Geschichte spürbar. Die massiven Beton-Festungsmauern, die tiefen Verteidigungsgräben – all das erzeugt eine Atmosphäre, die nachdenklich stimmt. Im Museum wird die Lebenswirklichkeit der Soldaten greifbar: Uniformen, Waffen, persönliche Gegenstände – und eine rekonstruierte Darstellung der Explosion, die das Fort vernichtend traf.
Besonders positiv: Das Team vor Ort ist ausgesprochen freundlich und engagiert. Ich hatte das Gefühl, man spürt das Anliegen, Geschichte lebendig weiterzugeben – nicht nur als Kuriosum, sondern als Mahnmal und Erinnerung. Nachdem ich die Ausstellung durchstöbert hatte, setzte ich mich noch in die kleine Museums-Sitzecke- bzw. den Aufenthaltsbereich: dort war Zeit für ein kühles belgisches Bier, ein Blick in das Gästebuch – und sogar die Begegnung mit einer süssen Museums-Katze, die ruhig durch die Räume streifte und dem Besuch ergänzt hat (ja, so etwas passiert dort!).
Nimm dir also gerne Zeit, wenn du das nächste Mal im April oder Oktober auf die Börse nach Ciney kommst, um dir die umliegende militärhistorische Geschichte näher anzusehen.

Warum sich der Besuch lohnt
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Das Fort bietet eine der authentischsten Erfahrungen rund um die Verteidigung von Liège im Ersten Weltkrieg.
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Das Museum ist hochwertig aufbereitet – mit multimedialen Elementen, guter Ausstellung und klar verständlicher Aufbereitung. Audio-Guide Führung in 4 Sprachen. Persönliche Führung auch möglich.
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Und es gibt diese kleine, persönlichen Note: nette Mitarbeitende, kleine Sitzecke mit Möglichkeit, ein Bier zu trinken und sich im Gästebuch einzutragen, sowie eine Katze, die das Ganze mit einem Schmunzeln abrundet.
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Wer eine Stunde oder mehr Zeit mitbringt (je nach Interesse auch länger), kann Geschichte und Gegenwart in schöner Weise verbinden – tiefgründig, aber nicht überfrachtet.
Tipps für deinen Besuch
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Gute Schuhe mitbringen: Das Gelände ist hügelig, teils gut erhalten, teils ruinenartig – also lädt es zum Erkunden ein.
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Zeit nehmen: Ich habe mir rund 1,5 Stunden Zeit genommen – für Ausstellung, Gelände und Nachdenkpause – und fand das angenehm.
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Gästebuch nutzen: Wenn Sie Lust haben – tragen Sie sich ein! Solche kleinen Gästebücher werden oft übersehen, aber es ist eine nette Erinnerung.
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Optional ein Bier: Im Museumscafé kann man wunderbar einen Moment innehalten – ideal nach der Austellung.
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Aktuelle Öffnungszeiten prüfen, da Saisonzeiten variieren – besonders außerhalb der Hauptsaison
Empfehlung: Weitere Orte zum Besichtigen
1. Fort de Lantin
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Lage: ca. 7 km nordwestlich von Liège.
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Bedeutung: Einer der kleineren Forts der Ringbefestigung um Liège; heute als Museum zugänglich.
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Warum interessant: In unmittelbarer Nähe zu Loncin gelegen — gut kombinierbar mit einem Besuch dort.
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Tipp: Prüfen Sie die Öffnungszeiten vorab – manche Führungen sind nur zu bestimmten Zeiten möglich.
2. Fort de Barchon
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Lage: etwa 9 km nordöstlich von Liège.
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Bedeutung: Größeres Fort der Brialmont-Bauweise, mit Museum und Besuchsmöglichkeit.
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Warum interessant: Gut erhalten, bietet einen sehr greifbaren Eindruck der Verteidigungsanlagen jener Zeit.
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Tipp: Nehmen Sie sich Zeit für die unterirdischen Teile und das Umfeld – oft weniger frequentiert.
3. Fort de Flémalle
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Lage: ca. 7 km südwestlich der Liège Innenstadt, oberhalb des Maastals.
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Bedeutung: Ein weiterer großer Fort-Standort des Rings, heute mit Museum.
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Warum interessant: Die Aussicht übers Tal + historisches Umfeld machen es zu einer lohnenden Kombination von Natur und Militärgeschichte.
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Tipp: Ideal für einen halbtägigen Ausflug — Umgebung erkunden, dann das Fort besichtigen.
Überblick: Die zwölf Forts des Befestigungsringes um Lüttich
Gemäss der Befestigungslinie Fortified Position of Liège („PFL“) rund um Liège waren im späten 19. Jahrhundert zwölf Forts errichtet worden.
Große Forts (6 Stück): Fort de Barchon, Fort de Boncelle , Fort de Flémalle, Fort de Fléron, Fort de Lonci , Fort de Pontisse
Kleine Forts (6 Stück): Fort de Chaudfontaine, Fort d’Évegnée, Fort d’Embourg , Fort de Hollogne, Fort de Lantin, Fort de Liers

Info & Anreise:
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📍 Ort: Rue des Héros 15, 4431 Ans (Ortsteil Loncin), Belgien
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🕒 Öffnungszeiten:
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April–Juni & September–Oktober: Samstag und Sonntag, 14–18 Uhr
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Juli–August: Dienstag bis Sonntag, 14–18 Uhr
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November–März: Erster und dritter Sonntag im Monat, 14–18 Uhr
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🎟️ Eintritt: Ca. 10 € für Erwachsene (ermäßigt möglich)

Sehr interessanter Artikel. Danke, ich werde es mir auf jedenfall mal ansehen, wenn ich in der Nähe bin. Gruss M.
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